Die zweiwöchentlich erscheinende Zeitschrift “Der Schweizerische Beobachter” hat in ihrer aktuellen Ausgabe ein interessantes Interview mit dem Ethnologen und Psychoanalytiker Mario Erdheim. In diesem Interview erläutert Erdheim, dass der um sich greifende Sauberkeitswahn, ähnlich dem abstrusen Sicherheitswahn seit dem 11. September 2001, eine Art Problemverschiebung sei.
Der Sauberkeitswahn lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas Machbares. Das beruhigt und gibt einem die Sicherheit zurück. Saubere Strassen, saubere Städte - das ist machbar für uns. Hingegen gerechtere und sicherere Verhältnisse schaffen - das ist sehr viel schwieriger.
In Zeiten, in denen der einzelne Bürger mehr und mehr vom Abbau des sozialen Sicherungssystems bedroht ist und alles anscheinend den Gesetzen des Marktes gehorchen muss, sei es zum Ablenken von den realen Problemen nötig und leichter, einen letzten gemeinsam Nenner für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu suchen. Da man gegen die Eliten bzw. die eigentlichen Probleme unserer Zeit nicht ankommt, trifft diese Verschiebung eben Grafitti-Sprayer, Kippenwegschnipser oder ähnliche, zumeist jugendliche Gesellschaftsgruppen.
Heute heißt Sicherheit: Nulltoleranz, mehr Polizei. Sicherheit könnte aber auch bedeuten, Verhältnisse zu schaffen, in denen die Leute gar nicht auf die Idee kommen, jemanden zu überfallen.
Zwar ist dieses Interview in gewisser Weise etwas spezifisch schweizerisches, man kann die inhaltlichen Aussagen aber auch sehr gut auf deutsche Verhältnisse übertragen. Unbedingt lesen.
Pinkelverbote, Wegweisungen (Platzverweise, Anm. d. Vf.), Alkoholverbote. Das kann doch nicht Sinn und Aufgabe eines Staates in unserer Zeit sein.




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