Manchmal fahre ich in die nächstgelegene Kreisstadt Reutlingen, um ein paar Dinge zu besorgen, die es im doch recht beschaulichen Metzingen einfach nicht oder nur in schlechter Qualität gibt. Sojasauce oder Chillischoten zum Beispiel, denn sowas wie einen asiatischen Laden gibt es hier einfach nicht. Und unser Supermarkt-Monopolist hier ist sich seiner Konkurrenzlosigkeit voll bewusst und bietet etwas exotischere Dinge kaum oder nur in schlechter Qualität an. Kleinstadt-Tristesse in Reinkultur eben.
Dabei mag ich Reutlingen eigentlich gar nicht so sehr, denn die Innenstadt ist mir persönlich zu sehr auf schnicke getrimmt und die Einwohner sind meist unfreundlich. Zumindest diejenigen, denen man auf der Wilhelmstraße begegnet, einer Fußgängerzone die sich durch die ganze Innenstadt streckt und in der es die selben Geschäfte wie in jeder größeren Stadt der westlichen Hemisphäre gibt. Diese Straße ist meistens ziemlich vollgestopft von gedankenlosen, seltsamen Menschen.
Etwa einheimische ältere Damen, die direkt vor einem einfach mal ruckartig stehen bleiben um mit Frau Kächele einen Schwatz über den letzten Aufenthalt im Kreiskrankenhaus zu halten. Wenn man sie dann etwas anrempelt, weil man nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte, bruddeln diese alten Damen lautstark herum. Grässlich.
Oder die einkaufswütigen Kiddies, die in Gruppen aus den umliegenden Dörfern “in die Stadt” strömen. Sie wollen zwar was mit Freunden unternehmen aber gleichzeitig ihre Individualität nicht aufgeben, weshalb sie mit laut krakelenden Handys ihre ganz individuelle Musik Klingeltöne abspielen. Jedes Balg einen anderen. Da sie sich dadurch sogar selbst nicht mehr verstehen können, schreien sie ihre belanglosen Gedanken (”He geiles Teil!” - “Scheiße nee, des hat doch schon die Jessi. Isch voll uncool!” - “Ja Jessi, die Schlampe!”) lautstark quer über die Straße. Und mir dabei ins Ohr.
Meistens weiche ich dann in kleinere Nebenstraßen aus, wo man doch etwas schneller vorankommt. Dort sieht man dann allerdings andere kuriose Dinge. Zum Beispiel der junge Mann, früher hätte man ihn Popper gennant, mit den goldenen Turnschuhen, Armbändchen aus bunten Perlen und dem obligatorischen Pseudo-Irokesen. Eigentlich nichts besonderes, solche Typen sieht man ja an jeder Bushaltestelle, im Raucherbereich des Pausenhofs der Berufsschule oder im “Club Mallorca” bei der 1-Euro-Party.
Für gewöhnlich hat dieser Archetypus des modernen Poppers ein sportliches T-Shirt an und seit einiger Zeit sieht man ihn ab und an auch im grässlich-rosaroten Polohemd umherwandeln. Letztes Jahr und vielleicht auch noch dieses Jahr im Frühling hätte er eventuell noch eine Kufiya, also ein so genanntes Pali-Tuch um den Hals geschlungen gehabt. Na gut, alles eine Sache des Geschmacks. Aber was treibt so jemanden, was treibt irgendjemanden dazu, ein olivgrünes T-Shirt mit einer aufgedruckten Kufiya zu tragen? Und wer entwirft denn so einen Mist? Herr Schäuble, ich bitte um eine Stilpolizei!
So war ich dann sehr erleichtert, endlich mein Ziel erreicht zu haben: Den örtlichen China-Laden! Freundliche Menschen aus dem Land des Lächelns würden mich in einer Wolke exotischer Gerüche freundlich bedienen und ich würde noch ein wenig in den Regalen mit den fremdartigen Produkten stöbern. Vielleicht würde ich auch einen Hauch olympischer Vorfreude zu spüren bekommen.
Nix da. Die Verkäuferin sah mich beim Betreten des Ladens nicht einmal an, von einem Gruß ganz zu schweigen. Das Radio tönte ohrenbetäubend laut und ich durfte mich alleine auf die Suche nach Sojasauce, 5-Spice-Powder und Chillies machen. An der Kasse wurde ich wieder keines Blickes gewürdigt, einzig der zu zahlende Preis wurde mir genannt. Was für eine Enttäuschung.
Ich mag Reutlingen nicht.




Immerhin hat Reutlingen das Nepomuk und die Zelle, Max Herfert und den Paternoster in der Emil-Adolff-Straße. Hoffe ich jedenfalls.
Von dem Paternoster hab ich zwar noch nie gehört, aber die restlichen drei Institutionen sind tatsächlich was Feines. Obwohl, beim Nepomuk bin ich etwas zwiespältig, das ist aber eine andere Geschichte.
Auch toll an RT sind die Kimmicher, die es zum Glück aber auch hier zu kaufen gibt.
Die Tanke in Richtung Metzingen ist aber auch nicht zu verachten. Wenn man mal wieder den letzten Zug verpasst hat, kann man da wenigstens noch Bier für den Heimweg mitnehmen.