Archiv für die Kategorie 'Gedanken'

Lesen

Anna hat mir heute ein Stöckchen herüber gereicht, das ich gern beantworte, da es um Bücher und um mein Leseverhalten geht. Schon als Kind hab ich Comics und Romane verschlungen und mich teilweise sogar in Schränken versteckt, um nicht von meiner Mutter wenigstens für ein kurze Zeit an die frische Luft geschickt zu werden.
Heute hat der Drang zu lesen zwar nicht abgenommen, aber ich lese viel mehr am PC und greife (leider) viel seltener zum Buch. Das mag auch daran liegen, dass ich es nicht schaffe, aus der Bibliothek geliehene Bücher rechtzeitig zurück zu bringen und irgendwann keine Lust auf Strafgebühren mehr hatte.

Weiterreichen würde ich das Stöckchen gerne an Christian (der im Umzugsstreß steckt) und Maobe. Aber auch sonst kann es jeder gerne aufgreifen

Aber jetzt zu den Fragen.

‘Lesen’ weiterlesen

Genervt

Wehe, einer sagt in meiner Gegenwart das Wort mit dem kleinen “i” am Anfang. Derjenige wird mit der Strippe eines guten, alten Analogtelefons der Deutschen Bundespost gefesselt, mit einer Ein-Tastenmaus geknebelt und darf dann so lange in meinem Keller hocken, bis dieser elendige Hype vorbei ist!

Erich Mühsam

Ihr treibt das Rad: Ihr wirkt die Zeit;
Das Feuer flammt; jetzt und hier;
Euch mahnt das Feuer; Macht Euch bereit;
Erkennt Eure Kraft! Seid hier!

Heute vor 74 Jahren, am 10. Juli 1934 wurde der Dichter, Anarchist und Schriftsteller Erich Mühsam im KZ Oranienburg ermordet. Gedichte und Gedanken von Erich Mühsam gibt es unter anderem hier und hier.

Schmackig

casu marzuZur Zeit frage ich mich ob die Generation meiner Eltern, die in der Nachkriegszeit geboren wurde, in ihrer manchmal fast schon zwanghaften Sparsamkeit was Lebensmittel betrifft, nicht doch irgendwie recht hat. Meine Mutter nutzt zum Beispiel Sahne auch noch zwei Monate nach dem Ablaufdatum. Ein kurzer, aber beherzter Geschmackstest mit dem kleinen Finger lässt sie in Sekunden zu dem Schluss kommen, ob das Produkt noch gut ist oder weg geschüttet werden sollte. Ähnlich verfährt sie mit Milch und bei Hartkäse wird ein leicht schimmliges Stück einfach großzügig abgeschnitten.

Ich bin da viel zimperlicher. Bei abgelaufener Milch oder Käse probiere ich auch, bevor ich sie entsorge, aber allerhöchstens 4-5 Tage nach dem Verfallsdatum. Mich packt innerlich ein seltsamer Ekel wenn ich nur daran denke, Streichkäse zu essen, der eine Woche überlagert ist. Abgepackter Wurst traue ich noch weniger. Wenn möglich, vermeide ich den Mist aus dem Kühlregal der Wurstwarenabteilung komplett. Und wenn ich doch mal etwas davon zuhause habe, wird die schon am Verfallsdatum weggeworfen. Ich weiß, das klingt etwas pingelig, aber so hat sich der Umgang mit Lebensmitteln nun mal bei mir verinnerlicht.

Wenn ich aber lese, dass in Italien bis zu 28 Jahre alter Käse aufbereitet und als neu verkauft wird, kommen mir aber Zweifel, ob das mit dem Verfallsdatum wirklich so eine dramatische Sache darstellt. Der alte Käse muss doch geschmeckt haben und ungesund kann er ja auch nicht gewesen sein, sonst hätte man doch schon viel früher davon erfahren.  11.000 Tonnen Gammelkäse oder 11 Millionen Kilo, das wären 55 Millionen 200g-Päckchen Mozarella! Und niemand hat sich beschwert.

Klar, die Vorstellung,  gammligen Käse oder Fleisch zu essen, ist nicht sonderlich appetitlich. Trotzdem komme ich ins Grübeln, ob ich nicht doch etwas von der Lebensweisheit meiner Mutter lernen und nicht so zimperlich mit abgelaufenen Lebensmitteln umgehen sollte. Ich muss es ja nicht übertreiben.

Bild: Casu Marzu, eine sardische Spezialität, bei der Pecorino sardo erst durch Verfall und Madenfraß seinen besonderen Geschmack bekommt.
Bildquelle: Shardan unter einer Creative Commons Lizenz

Zitat des Tages

Eigentlich bin ich nicht so sehr ein Freund der FDP. Aber wenn jemand recht hat, hat er nun mal Recht.

“Ob jemand in der Gewerkschaft ist oder nicht, ob jemand eine Frau liebt oder einen Mann - das geht den Staat nichts an. Und das darf der Staat erst recht nicht an andere Staaten übermitteln. Die Mitgliederverzeichnisse der Gewerkschaften sind für Wolfgang Schäuble tabu - und das Gleiche gilt für George Bush.”

FDP-Innenexpertin Gisela Piltz zu den Plänen des Bundeskabinett, bei Flügen in die USA persönliche Daten wie sexuelle Orientierung und Gewerkschaftszugehörigkeit an die dortigen Behörden zu schicken.

Wie diese Daten überhaupt erst gesammelt werden sollen, geht aus dem Bericht auf golem.de leider nicht hervor. (Bei-)Schläfer des BKA?

Marodierende Rentnerbanden!!!

In München hat am Montag ein 70-jähriger Mann ein 13-jähriges Mädchen gegen eine gerade einfahrende U-Bahn geschubst. Das Mädchen hatte Glück im Unglück und erlitt dabei und durch den Rückprall auf den Bahnsteig zum Glück nur einen Bluterguss an der Stirn sowie Schürfwunden an den Händen. Wäre das Mädchen zwischen einen der Waggons gefallen, hätte weitaus schlimmeres passieren können.

An sich eine Nachricht, die ich als nicht sonderlich spektakulär empfinde. Gewalt passiert jeden Tag, überall auf der Welt, kaltblütiger ausgeführt und mit weitaus schlimmeren Folgen für die Betroffenen. Was diese Nachricht dennoch wichtig für mich macht, ist der ausbleibende Aufschrei in den Medien und von Seiten der Politik, der vor Betroffenheit nur so trieft.

Bei ähnlichen Zwischenfällen in der letzten Zeit wurde von den Massenmedien gleich nach “Höchststrafe!” “Ausweisen!” oder Schlimmeren gerufen. Auch die Politik sprang dankbar auf diese Masche an und schlachtete sie wahlkampftauglich aus. Allerdings war der Täter in diesen Fällen ja zumeist auch ein junger Mann mit Migrationshintergrund, kein Münchner Rentner.

Eigentlich müssten Bild, Spiegel Online und Konsorten jetzt heißer Dinge wie “Ab in die Gerontopsychiatrie!” fordern, während die ganze Riege berufsbetroffener Politiker wie Roland Koch oder Wolfgang Schäuble von Talkshow zu Talkshow tingeln um zu erörtern, das Multi-Kulti die Integration von alten Menschen in unsere Gesellschaft gescheitert ist und deshalb unbedingt mehr Kameras auf öffentlichen Plätzen installiert werden müssen.

Zum Glück scheint dieses Spektakel dieses Mal aus zubleiben. Ob man da Angst vor einer Abstrafung aus der eigenen Zielgruppe/Wählerschaft hat? Ich glaube es fast.

Zusammenhänge

Was wurde nicht alles schon von den selbsternannten Bewahrern unserer Gesellschaft als Vernichter der Zivilisation gegeißelt. Rockmusik führe zu Rowdytum, Heavy Metal zum Satanskult, Horror- und Actionfilme lassen Jugendliche scheinbar abstumpfen und verrohen. Besonders aktuell ist derzeit die Debatte, ob sogenannte “Killerspiele” Jugendliche aggressiv werden lassen und ihre Hemmungen, andere Menschen körperlich zu verletzen, abbauen könnte.

Jedenfalls wurden im Laufe der Jahrhunderte jede Menge abstruser Zusammenhänge hergestellt, für die es nie einen wissenschaftlichen Beweis gab, die allgemein hin aber trotzdem als gültig zählen. Opfer dieser Stammtischweisheiten sind dabei meist die Jugendlichen, deren Lieblingsfreizeitbeschäftigung von der älteren Generation schlicht nicht verstanden wird. Und wenn man etwas nicht kennt und versteht, ist es in den Augen vieler schlecht wenn nicht gar gefährlich. Ähnlich funktioniert meiner Meinung nach auch Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie.

Was mich diesen Text schreiben lässt, ist folgende Pressemeldung der Polizei Reutlingen, die ich hier in Stücken wiedergebe:

Mit Peitsche zugeschlagen

Ein 58-jähriger Pfullinger hat am Freitagmorgen, gegen 07.00 Uhr, vor einem Supermarkt in der Max-Eyth-Straße einen 68-jährigen Reutlinger mit einer Peitsche verletzt.

Beide Männer warteten vor der Eingangstür des Supermarkts bis geöffnet wird. Weil es dem Pfullinger offensichtlich zu lange dauerte, schlug er mit der Faust mehrmals gegen die Tür, weshalb ihn der Reutlinger zur Rede stellte. Der Beschuldigte nahm darauf eine Lederpeitsche, die er um den Hals hängen hatte und schlug damit mehrfach auf sein Opfer ein. Als sich der 68-Jährige zur Wehr setzte, entstand eine wilde Rauferei, bei der beide Kontrahenten zu Boden fielen. Dabei brach sich der 68-Jährige den rechten Daumen. Außerdem trug er durch die Peitschenhiebe Verletzungen im Gesicht, am Körper und an den Armen davon. Er wurde vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht und dort ambulant behandelt.

Soweit, so skurril. Was mich allerdings (augenzwinkernd) wundert, ist die fehlende Frage nach einem Zusammenhang zum aktuellen Holywoodfilm “Indiana Jones” IV. Wären Täter und Opfer Jugendliche gewesen, würde diese Frage sicher längst im Raum stehen. So aber ist es eben nur ein schrulliger Alter, der eben zufällig eine Peitsche um den Hals hängen hatte.

Gejaule

Seit etwa vier Tagen fährt rast nun schon jeden Nachmittag zwischen 16.30 Uhr und 17 Uhr ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene die nahe gelegene Bundesstraße entlang. Immer in die gleiche Richtung.
Sind die Verbrecher nun pünktlich geworden? Oder gibt es in Nürtingen um die Zeit eine Pizza-Happy-Hour?

Nulltoleranz und Sauberkeitwahn

Die zweiwöchentlich erscheinende Zeitschrift “Der Schweizerische Beobachter” hat in ihrer aktuellen Ausgabe ein interessantes Interview mit dem Ethnologen und Psychoanalytiker Mario Erdheim. In diesem Interview erläutert Erdheim, dass der um sich greifende Sauberkeitswahn, ähnlich dem abstrusen Sicherheitswahn seit dem 11. September 2001, eine Art Problemverschiebung sei.

Der Sauberkeitswahn lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas Machbares. Das beruhigt und gibt einem die Sicherheit zurück. Saubere Strassen, saubere Städte - das ist machbar für uns. Hingegen gerechtere und sicherere Verhältnisse schaffen - das ist sehr viel schwieriger.

In Zeiten, in denen der einzelne Bürger mehr und mehr vom Abbau des sozialen Sicherungssystems bedroht ist und alles anscheinend den Gesetzen des Marktes gehorchen muss, sei es zum Ablenken von den realen Problemen nötig und leichter, einen letzten gemeinsam Nenner für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu suchen. Da man gegen die Eliten bzw. die eigentlichen Probleme unserer Zeit nicht ankommt, trifft diese Verschiebung eben Grafitti-Sprayer, Kippenwegschnipser oder ähnliche, zumeist jugendliche Gesellschaftsgruppen.

Heute heißt Sicherheit: Nulltoleranz, mehr Polizei. Sicherheit könnte aber auch bedeuten, Verhältnisse zu schaffen, in denen die Leute gar nicht auf die Idee kommen, jemanden zu überfallen.

Zwar ist dieses Interview in gewisser Weise etwas spezifisch schweizerisches, man kann die inhaltlichen Aussagen aber auch sehr gut auf deutsche Verhältnisse übertragen. Unbedingt lesen.

Pinkelverbote, Wegweisungen (Platzverweise, Anm. d. Vf.), Alkoholverbote. Das kann doch nicht Sinn und Aufgabe eines Staates in unserer Zeit sein.

Zum Interview “Toleranz wird zum Schimpfwort”

Schwere Gedanken

Ich glaube, ich weiß warum die Deutschen immer dicker werden. Erinnert ihr euch noch an die öffentlichen Waagen, auf denen man sich für 10 Pfennige wiegen konnte? Die standen früher in jedem Bahnhof und an vielen anderen Orten wie Freibädern oder Supermärkten. Irgendjemand hat die abmontiert, damit sich keiner mehr in aller Öffentlichkeit schämen muss.

In geheimer Verschwörungtheoretiker - Tradition frage ich hinter vorgehaltener Hand: Cui bono?

Bild von leralle unter einer Creative Commons Lizenz